Voraussetzung für Erfolg

nach Steve Pavlina

Die erste der fünf Säulen der Selbstdisziplin ist Akzeptanz. Akzeptanz bedeutet, dass du die Realität wahrnimmst und sie genau so annimmst. Das klingt einfach und einleuchtend, in Wirklichkeit ist es aber äußerst schwierig. Wenn du chronisch Probleme in einem bestimmten Bereich deines Lebens hast, liegt die Ursache mit großer Wahrscheinlichkeit darin, dass du die Realität nicht akzeptierst wie sie ist.
Warum ist Akzeptanz ein Pfeiler der Selbstdisziplin? Der grundlegende Fehler, den viele Menschen machen, ist, dass sie ihre gegenwärtige Situation nicht genau wahrnehmen oder akzeptieren. Erinnerst du dich an die Analogie zwischen Selbstdisziplin und Krafttraining aus dem gestrigen Beitrag? Wenn man erfolgreich trainieren möchte, ist der erste Schritt, dass man erst mal herausfindet, auf welchem Stand man sich zur Zeit befindet. Wie stark man im Moment bereits ist. Bevor man nicht weiß, wo man jetzt steht, kann man kein vernünftiges Trainingsprogramm aufstellen.
Wenn du nicht bewusst erkennst, auf welcher Ebene der Selbstdisziplin du stehst, ist es sehr unwahrscheinlich, dass du dich in diesem Bereich verbessern kannst. Stell dir einen Möchtegern-Bodybuilder vor, der keine Ahnung hat, wie viel Gewicht er im Training stemmen soll. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die gewählten Gewichte entweder zu schwer sind oder zu leicht. Sind die Gewichte zu schwer, so wird er nicht in der Lage sein, sie ordentlich zu heben und somit wird auch keinen Muskelzuwachs erreichen. Sind die Gewichte zu leicht, so werden sie nicht ausreichen, um Muskeln aufzubauen.
Genau so ist es mit der Selbstdisziplin. Erst muss man herausfinden, wo man im Moment steht. Wie stark ist die eigene Disziplin im Augenblick? Welche Herausforderungen sind einfach und welche erscheinen praktisch unmöglich?

Die folgende Liste soll zum Nachdenken anregen, wo man sich im Moment sieht. Die Reihenfolge ist willkürlich gewählt:

Stehst du jeden Morgen zur gleichen Zeit auf? Auch am Wochenende?
Duschst oder badest du jeden Tag?
Bist du übergewichtig?
Hast du irgendwelche Süchte (Koffein, Nikotin, Zucker etc.), die du gerne aufgeben würdest, aber es noch nicht getan hast?
Ist dein E-Mail Postfach jetzt gerade leer?
Ist dein Büro sauber und gut organisiert?
Ist dein Haus sauber und gut organisiert?
Wie viel Zeit vertrödelst du an einem normalen Tag? An einem Wochenende?
Wenn du jemandem eine Zusage gibst, wie hoch ist der Wahrscheinlichkeit, dass du sie einhälst?
Wenn du dir selbst etwas vornimmst, wie groß ist die Chance, dass du es auch tatsächlich machst?
Wie aufgeräumt ist die Festplatte in deinem Computer?
Wie oft trainierst du?
Was war die größte körperliche Herausforderung und wie lange ist es her?
Wie viele Stunden am Tag arbeitest du konzentriert?
Wie viele Positionen auf deiner Aufgabenliste sind älter als 90 Tage?
Hast du klare, schriftliche Ziele formuliert?
Wenn du deinen Job verlieren würdest, wie viel Zeit würdest du jeden Tag aufwenden, um einen neuen zu bekommen? Wie lange würdest du diesen Aufwand durchhalten?
Wie lange siehst du täglich fern? Könntest du 30 Tage ohne Fernseher auskommen?
Wie siehst du jetzt aus? Was sagt dein Aussehen über das Maß deiner Disziplin (Kleidung, Körperpflege etc.)?
Wählst du deine Ernährung in erster Linie nach Geschmack oder nach Gesundheit aus?
Wann hast du zuletzt bewusst eine positive Gewohnheit angenommen? Eine schlechte Angewohnheit aufgegeben?
Hast du Schulden? Denkst du, diese Schulden sind eine Investition oder ein Fehler?
Hast du dir vorgenommen, dieses Blog zu lesen, oder hat es sich einfach so ergeben?
Könntest du mir sagen, was du morgen tun wirst? Oder am kommenden Wochenende?
Auf einer Skala von 1 bis 10, wie stark schätzt du deine allgemeine Disziplin ein?

Was will man mehr erreichen, als wenn man die letzte Frage mit 9 oder 10 beantworten kann?

Wie man mit verschiedenen Übungen, unterschiedliche Muskelgruppen trainiert, gibt es auch unterschiedliche Bereiche der Selbst-Disziplin: Disziplinierten Schlaf, disziplinierte Ernährung, diszipliniertes Arbeiten, disziplinierte Kommunikation usw.. Jeder Bereich erfordert andere Übungen.

Mein Rat ist, erst mal den Bereich zu identifizieren, wo die Disziplin am schwächsten ist und dies als Ausgangspunkt zu akzeptieren. Dann einen Plan erstellen, wie man sich in diesem Bereich steigern kann. Am besten mit leichten Übungen beginnen und sich zu größeren Herausforderungen steigern.
Progressives Training funktioniert beim Muskelaufbau genauso, wie bei Selbstdisziplin. Wenn du zum Beispiel morgens nicht vor 10 Uhr aus dem Bett kommst, denkst du, dass es dir gelingt, jeden Morgen um 5 Uhr aufzustehen? Wohl eher nicht. Aber würdest du es schaffen um 9:45 Uhr aufzustehen? Ganz bestimmt. Und wenn du das geschafft hast, geht es sicher auch mit 9:30 Uhr und dann 9:15 Uhr. Bevor ich anfing, jeden Morgen um 5 Uhr aufzustehen, machte ich das erst mal ein paar Tage hintereinander. Normalerweise stand ich morgens gegen 6 Uhr und 6:30 auf. So war der nächste Schritt eine Herausforderung, aber erreichbar.
Wenn du den Tatsachen nicht ins Auge schaust sondern die Realität ignorierst, kannst du auch keine klare Vorstellung davon erhalten, wie diszipliniert du tatsächlich bist. Und du merkst nicht, dass du nichts darüber weißt. Du hast dann nur eine unklare Vorstellung davon, wozu du in der Lage bist und wozu nicht. Du erzielst vielleicht einige einfache Erfolge, und erlebst Niederlagen. Aber du sagst, dass es an der Aufgabe gelegen hat, oder gibst dir selbst die Schuld, anstatt zu erkennen, dass das „Gewicht” für dich zu schwer war und dass du stärker werden musst.
Wer den Stand seiner Disziplin nicht erkennen will, ist gefangen in einer falschen Sicht der Wirklichkeit. Entweder übermäßig optimistisch oder pessimistisch gegenüber seinen Fähigkeiten. Und wie bei jemandem, der trainiert, ohne seine eigene Stärken zu kennen, wird keine Steigerung eintreten. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man „zufällig” den richtigen Trainingsplan benutzen würde. Ein Pessimist wird nur die leichten Gewichte wählen und die schweren weglassen, die ihn eigentlich stärker machen könnten. Ein Optimist dagegen wird immer die Gewichte wählen, die zu schwer sind, die er nicht heben kann. Er wird sich dann entweder geschlagen geben, oder sich noch mehr anstrengen. Nichts davon wird ihn stärker machen.
Ich persönlich habe enorme Vorteile durch den Weg der Selbstdisziplin erfahren. Als ich 20 Jahre alt war, lebte ich in einem kleinen Appartement und meine Schlafstunden waren so etwa von 4 Uhr bis 13 Uhr. Meine Ernährung bestand aus Fastfood und Junkfood. Außer manchmal lange Spaziergänge, habe ich nicht viel gemacht. Post zu erhalten, schien mir jeden Tag wie eine bedeutende Leistung und das Highlight meines Tages war es, mit Freunden rumzuhängen. Am Ende des Monats konnte ich mich nicht an viele außergewöhnliche Ereignisse erinnern. Ich hatte keinen Job, kein Auto, kein Einkommen, keine Ziele, keinen Plan und auch keine wirkliche Zukunft. Alles was ich hatte, waren eine Menge Probleme, die nicht besser wurden. Ich hatte keine Ahnung, dass ich meinen Lebensweg selbst kontrollieren könnte. Ich ließ alles auf mich zukommen und reagierte dann.
Schließlich merkte ich, dass „einfach abwarten” nicht funktioniert. Wenn ich etwas haben wollte, musste ich etwas dafür tun. Zunächst bedeutete das eine Menge schwieriger Herausforderungen für mich, aber ich überwand sie und war in kurzer Zeit viel stärker geworden.
Das ist nun fünfzehn Jahre her und es ist wie Tag und Nacht. Jeden Morgen stehe ich un 5 Uhr auf. Ich trainiere an 6 Tagen in der Woche, ernähre mich rein vegan mit viel frischem Gemüse. Mein Heimbüro ist gut organisiert. Mein Briefkasten und mein E-Mail-Eingang sind beide leer. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und wir leben in einem schönen Haus. Auf meinem Schreibtisch steht ein Ordner mit meinen schriftlich verfassten Zielen. Und einige meiner Ziele für 2005 habe ich bereits erreicht (Bericht stammt vom Juni 2005 – Anmerkung von mir). Ich war mir noch nie so klar darüber, was ich möchte, und ich mache, was ich liebe.
Nichts davon ist einfach so passiert. Es war beabsichtigt. Und es geschah ganz sicher nicht über Nacht. Es bedeutete viele Jahre harte Arbeit. Es ist immer noch harte Arbeit, aber ich bin viel stärker geworden. So erscheinen mir heute solche Herausforderungen als einfach, die ich als Zwanzigjähriger als unüberwindlich bezeichnet hätte. Das bedeutet: Heute kann ich größere Herausforderungen meistern und so auch bessere Ergebnisse erzielen. Wenn ich das alles als Zwanzigjähriger versucht hätte, wäre ich bestimmt gescheitert. Dem zwanzigjährigen Steve wäre es nicht mal für einen Tag möglich gewesen, mit der Situation umzugehen. Für den 34 jährigen Steve ist es jedoch einfach. Jetzt ist es aufregend für mich, mir auszumalen, was der 48-jährige Steve in der Lage ist zu tun … in Relation zu meinem Lebensweg natürlich.
Ich sage dir das, um dich zu beeindrucken. Nicht mit mir, sondern mit dir selbst. Ich möchte, dass du beeindruckt wirst, von dem, was du in den nächsten 5 – 10 Jahren erreichen kannst, indem du schrittweise deine Selbstdisziplin steigerst. Es wird nicht leicht werden, aber es wird es wert sein. Der erste Schritt wird sein, zu akzeptieren, wo du jetzt stehst, ob du dich gut fühlst oder nicht.

Übertrage dir selbst die Aufgabe, woran du arbeiten solltest. Vielleicht ist es nicht schön, aber es ist, was es ist. Und du wirst nicht stärker, bis du akzeptiert hast, wo du im Moment stehst.

Steve Pavlina

Steve Pavlina

Steve Pavlina ist in den USA der wohl bekannteste Blogger zum Thema Persönlichkeitentwicklung. Das Themenspektrum über das er schreibt, ist sehr umfangreich. Seine Thesen sind jedoch nicht unumstritten.

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